Probiotische Milchprodukte - Jungbrunnen oder Werbegag?

"Probiotisch" ist das neue Zauberwort in der Südtiroler Milchwirtschaft. Sie steigt damit in die Fußstapfen des Weltmultis Nestlé, der 1995 mit viel Trommelwirbel seinen probiotischen Joghurt einführte.

Probiotische Joghurts sind mehr als bloß gesund, sagt die Werbung, und die Verbraucherinnen und Verbraucher glauben es. Das Mehr an Gesundheit bringen spezielle Milchsäurebakterien, eben die Probiotika, sagen die Hersteller und setzen eine sündteure Werbemaschinerie in Gang, um die Botschaft flächendeckend zu verbreiten.
 

Functional Food - gesünder als gesund

Der Trend, der sich seit Jahren in der gesamten westlichen Welt abzeichnet, hat damit auch hierzulande endgültig Fuß gefaßt: "Functional Food" nennt man Lebensmittel, die künstlich mit Vitaminen, Mineralstoffen oder eben mit besonderen Bakterienstämmen aufgepeppt werden und damit besonders gesund wirken sollen. Der Trend kommt ursprünglich aus Japan und findet in allen Industrieländern großen Anklang.
 

Wissenschaftlich nicht bewiesen

Die Verbraucherverbände beobachten die Entwicklung kritisch. Es geht vor allem um mehr Transparenz, denn nicht alles, was als probiotisch verkauft wird, ist es auch und nicht alles, was wirklich probiotisch ist, ist auch nachweislich gesund.

Pro bios kommt aus dem griechischen und bedeutet so viel wie "für das Leben". Tatsächlich sind Probiotika lebende Milchsäurebakterien. Doch die Wirkungen, wie die positive Beeinflussung der Darmflora oder die Stärkung des Immunsystems sind zwar möglich, aber nicht wissenschaftlich bewiesen. Voraussetzung dafür ist der regelmäßige Konsum von möglichst frischen Joghurts mit vielen lebenden Bakterien. Zum Ende des Mindesthaltbarkeitsdatums dann die anzahl der Keime abnehmen.

Entsprechend allgemein gehalten und vage sind die Werbeaussagen, kritisieren die Verbraucherverbände. "Positiver Einfluss auf die Darmtätigkeit, Stärkung der Abwehrkräfte" - die deutschen Verbraucherverbände schreiben zu diesen Werbesprüchen: "Sie sind wissenschaftlich unpräzise, so dass viele phantasievolle Effekte Platz haben"

Das Naturkostmagazin "Schrot und Korn" zitiert den Schweizer Mikrobiologen Michael Teuber von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich, der bezweifelt, dass die künstlich zugesetzten Bakterienstämme überhaupt lebend im unteren Darmabschnitt ankommen. Andere Studien beunruhigen mit der Aussage, dass isolierte Probiotika-Stämme das natürliche Gleichgewicht in der Darmflora stören können.

Und schließlich warnen wieder andere Stimmen davor, Probiotika wahllos allen KonsumentInnen zuzumuten, da Menschen mit geschwächtem Immunsystem sensibel darauf reagieren könnten. Die verschiedenen Probiotika-Stämme haben nämlich durchaus spezifische Eigenschaften und Wirkungen.
 

Transparenz und Kontrolle vor Werbung


Eine Reihe von widersprüchlichen Informationen und von Unbekannten, die eigentlich abgeklärt werden müssten, bevor die Hersteller groß in das Geschäft mit der Gesundheit einsteigen dürfen. "Es besteht erheblicher Forschungsbedarf" sagt auch Antje Zellmer von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung.

Die Arbeiterkammer Wien schreibt in einem Positionspapier vom Februar 2003 zu "Functional Food": "Ein wissenschaftliches Konzept, das die Grundlagen, Leitlinien und Eckpunkte für die Entwicklung von funktionellen Lebensmitteln vorgibt, ist notwendig."
Außerdem fordert die AK eine wissenschaftliche Prüfung von Werbeaussagen durch die Europäische Lebensmittelagentur.
 

Einheitliche Regelung europaweit gefordert

Die deutschen und die österreichischen Verbraucherverbände fordern daher
 

  • eine europaweite einheitliche Regelung für probiotische Lebensmittel;
  • eine einheitliche Kennzeichnungspflicht für die verwendeten Bakterienstämme in der Zutatenliste;
  • die wissenschaftliche Belegbarkeit von gesundheitlichen Auswirkungen.


Die Ernährungsberatung der Verbraucherzentrale zieht folgendes Resümee:

  • Probiotische Joghurts sind keine Wundermittel, eine außergewöhnliche gesundheitliche Wirkung ist nicht erwiesen.
  • Sie enthalten dieselben Zusätze wie die herkömmlichen Joghurts, also viel Zucker, Farbstoffe und Aromastoffe.
  • Sie sind teuer.
  • Die Etikettierung ist oft ungenau, die Milchsäurebakterienstämme werden nicht immer genau definiert, es fehlen also konkrete Informationen.
  • Wer seinem Darm etwas Gutes tun will, kann es billiger haben: die Darmflora kann auch mit herkömmlichen Joghurts, Buttermilch und Sauerkraut aufgebaut werden.
Stand
8/2014

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